Vielfalt auf kleinstem Raum


von Hermann Gröne
erschienen in: Gartenpraxis - Ulmers Pflanzenmagazin, Ausgabe Mai 2002



"Artenreich, aber pflegearm, mit Blüten zu jeder Jahreszeit" könnte ein Motto sein, das bei der Planung der nachfolgend beschriebenen Anlage Pate stand. Pflegearm ist der Garten Pelters in Bezug auf die Anzahl der Pflegestunden im Jahr, die Düngung oder das Wässern. Die fachlichen Ansprüche an den Pflegenden aber sind hoch. Sorgfältiges Jäten von Hand ist unabdingbar und alle Rückschnitte müssen zur rechten Zeit ausgeführt werden.
Der 160m² große Vorgarten sollte neu bepflanzt,
die Einfahrt und der seitliche Eingangsbereich des Hauses bis zum Hinterhausgarten neu gestaltet werden. Zwei Autos mussten hintereinander Platz finden, ein 30 cm hohes Klinkermauerchen entlang des Bürgersteigs in seiner Funktion erhalten bleiben. Der Boden ist ein mäßig saurer, lehmiger Sand, der Wasser auch im Winter gut abführt.
Mit der Ausführung der Pflasterarbeiten wurde die Gestalterin Silvia Dorner aus Wachtendonk am Niederrhein beauftragt. Ihre anspruchsvollen Natursteinarbeiten bewegen sich im Grenzgebiet von Kunst und Handwerk. Unregelmäßig versetzte Binder aus Porphyr fassen die Autostellfläche und den Weg mit ein und ausschwingenden Randbeet ein. Der wilde Verband im Bereich der Stellfläche besteht aus Großpflaster Grauwacke und Kleinpflaster Porphyr, hellem und dunklem Granit. Im Wegbereich hellen Einsprengsel von Kleinpflaster weißen Carraramarmors die Pflasterung auf. Kleine Flächen aus hellen und dunklen Kieseln sind ein weiteres Element im Pflasterbild. So wie alle Arbeiten dieser Pflasterkünstlerin ist die kleine Natursteinmauer am Gehweg ein Unikat. Geschwungene Basaltlava Krusten, Stelen aus grauem Granit, Kieselsteine, aber auch Ziegel und Pflastersteine sind das Material für die unkonventionelle Arbeit.
Im Gegensatz zur dynamischen Staudenpflanzung, die im Jahreslauf ihre Erscheinung mehrfach verändert, bilden die Gehölze und Großgräser das stabile Gerüst einer Pflanzung. Dies ist bei Immergrünen und Bambus offensichtlich, gilt aber genauso für Laubgehölze und Gräser. Die Sträucher und Gräser sind die Rhythmusgruppe des Gartenbildes. Die Melodie, Tonart und Klangfarbe liefern die Stauden. Ein Satz von Wolfgang Borchard, Erfurt bringt eine weitere Analogie. "Bäume und Sträucher sind die Kulisse für das Theater, dass die Stauden spielen".
Im Garten Pelters ist die Felsenbirne Amelanchier lamarkii der Gerüstbildner in der Pflanzfläche. Cornus sanguinea ` Winter Beauty`, ein Hartriegel mit ausgeprägt orange-roten Trieben steht als Kubus geschnitten zwischen den Fenstern der Hausfront. Andere Sortenamen wie `Midwinter Fire` und `Winterflame` beschreiben treffend den attraktiven Rindenschmuck, vermutlich handelt es sich aber immer um die selbe Pflanze. Im sonnigen Bereich der Freifläche wächst Buddleja davidii `Nanho White`, die mit Felsenbirne und Hartriegel ein ungleichseitiges Dreieck in der Fläche bildet. Die Farbauslesen der "Nanho Gruppe" fügen sich mit Ihrem dichten, kugeligen Wuchs gut in sonnige Staudenpflanzungen ein. Echte Zwerge sind diese Schmetterlingsträucher nicht, 1,70 m Höhe und Breite werden durchaus erreicht.
Die vorhandene Bepflanzung in der direkten Umgebung des Vorgartens ist in die Planung einbezogen. Ein Acer saccharinum mit 50 cm Stammumfang steht zwischen Gehweg und Straße. An der Ostseite bildet eine Abpflanzung aus geschnitten Hainbuchen, niedrig gehaltenen Kirschlorbeer, Feldahorn und Alpenheckenkirsche die Grenze des Nachbargrundstücks. Eine Hecke aus blauen Scheinzypressen, wiederum auf dem Nachbargrundstück, zieht eine zwei Meter hohe Wand entlang der westlichen Grundstückgrenze.
Die Silhouette der Gräser prägt das Herbst- und Winterbild des Gartens. Das Diamantgras Calamagrostis brachytricha wächst im Vordergrund der sonnigen Freifläche. Das Lampenputzergras Pennisetum alopecuroides`Hameln` ist dem kleinen Schmetterlingstrauch zugeordnet, die Foerstersorte des Riesenpfeifengrases Molinia arundinacea` Windspiel` der Felsenbirne.
Artenreiche Pflanzengemeinschaften entstehen in der Natur dort, wo mehrere Standorte aufeinander treffen, im Garten ist das die Regel. Die Pflanzung von Gehölzen und Großgräsern im Gartenraum kreiert unmittelbar unterschiedliche Lebensbereiche für Stauden. Die Felsenbirne und die Gruppe Schmetterlingstrauch /Lampenputzergras sind so angeordnet, dass südseitig eine 40 m² große Freifläche mit einem sonnigen, halbschattigen und schattigen Teil entsteht. Die Lebensbereiche Gehölz und Gehölzrand finden sich in der Umgebung der Felsenbirne.
Der sonnige, angeböschte Randbereich der Einfahrt ist mit Kies, Sand und Resten von Pflaster und Unterbau abgemagert. Ein kleiner Kiesgarten entstand hier. Zwischen den Pflanzen und einigen größeren Kieselsteinen bedeckt eine Kiesschicht aus 4/8 er Körnung den Boden. Die Schüttung muss
ausreichend hoch sein, um Lichtkeimer nicht aufgehen zu lassen. Sie hilft auch den nässeempfindlichen Wurzelhals mancher Stauden trocken zu halten. Dort wachsen Iberis sembervirens `Weisser Zwerg` mit Alyssum montanum, Pulsatilla vulgaris, Hypericum polyphyllum, Alchemilla erythropoda und Bouteloua gracilis. Graues Laub bringen Helianthemum `The Bride`und ein Exemplar von Salvia lavandulifolia. Silene schafta, Geranium subcaulescens, Gypsophila repens und Petrorhagia saxifraga ziehen den Flor in den Sommer. Sedum `Mohrchen` und Aster `Snowflurry` blühen im Spätsommer und Herbst. Die hochgelobte Wildaster aus Connecticut schiebt ihre dichten, an Cotoneaster oder Juniperus erinnernden Triebe über die Steine der Natursteinmauer. Anfang Oktober ist sie mit weißen Blüten überzogen, die Staude ist auch im Vergehen eine attraktive Gartenpflanze. Kleinzwiebeln im Wurzelbereich von Aster `Snowflurry` sind ideale Begleiter. Sie treibt spät aus und wächst nicht vor Juni zu ihrer vollen Größe heran. Crocus chrysanthus , Iris reticulata und Tulipa kaufmannia sind die ersten Frühlingsboten im Kiesgarten. Im Mai und Juni folgen die Zierlaucharten Allium `Purple Sensation` und A .sphaerocephalon . Im September und Oktober blühen hier Herbstkrokusse.
Im weiteren Verlauf der mit Sand abgemagerten Freifläche wachsen Stauden, die Sommertrockenheit lieben, aber nicht an den Stein gebunden sind. Viele davon sind ausgesprochene Dauerblüher. Ende Mai sind zwei Gruppen von Salvia nemerosa `Mainacht` voll aufgeblüht. Wenig später folgen Salvia verticillata `Purple Rain` mit Nepeta `Walkers Low` und die 80cm hohe, rosa blühende Nepeta `Dawn to Dusk`. Etwas Spannung in die verhaltenen Pastelltöne der Kräuter bringen die roten Blüten der Spornblume Centhrantus ruber und Coreopsis verticillata `Moonbeam` mit ihrem weißlichen Gelbton, seit 5 Jahren erscheint das als heikel angesehene Mädchenauge jedes Jahr wieder. Das Diamantgras und die Präriekerze Gaura lindheimeri `Whirling Butterflies`sind im Spätsommer und Herbst die dominierenden Pflanzen in diesem Bereich. Nettetal liegt an der niederländischen Grenze in der Winterhärtezone 8 a. Die milden Winter der letzten Jahre hat die empfindliche, bis zum Frost blühende Gaura gut überstanden.
Die Funktion der Lückenfüller übernehmen weiße und blaue Katzenminze, weiße Salvia nemerosa `Schneehügel` und Calamintha nepeta ssp. nepeta, der Steinquendel. Katzenminze- und Salbeiarten werden jeweils nach ihrer Hauptblüte zurückgenommen. Die Nachblüte ist eher verhalten, aufgrund der innerstädtischen Bebauung fehlen Sonnenstunden am frühen Morgen und späten Abend. Die Spornblume wird nach dem Samenansatz zurück geschnitten, um Aussaat zu vermeiden. Zwiebelgewächse sind in ein wichtiges Element in diesem Bereich, da vor Ende Mai keine Blüten erscheinen. Die lilienblütige Tulpe `Westpoint` und verschiedene hohe Gartennarzissen lassen ein ganz eigenständiges Bild im Frühjahr entstehen. Ihr vergilbendes Laub wird vom Austrieb der Kräuter verschluckt. Zurückbleibt nur die Erinnerung bis zum neuen Auftritt im nächsten Frühjahr.
Im hinteren Teil der Freifläche nimmt die Anzahl der Sonnenstunden immer mehr ab. Der Boden ist nun nicht mehr abgemagert, er geht in einen frischen Gartenboden mit ansteigendem Humusgehalt über. Dieser Bereich enthält Falllaub, der Boden ist mit einer 5 cm starken Schicht aus Rindenmulch abgedeckt. Hohe Anforderungen stellt der Übergangsbereich zwischen 2 Lebensbereichen an den Pflanzenverwender. Im Garten Pelters übernehmen zwei Vertreter der Storchschnäbel und Origanum vulgare` Compactum` die Aufgabe des "Verbinders". An der sonnigen Seite der Felsenbirne ist es Geranium` Philippe `Vapelle`, eine Kreuzung aus Geranium platypetalum und G. renardii. Geranium x cantabriegense`Biokovo` vermittelt zu den sonnenliebenden Katzenminzen. Grünlaubiger Frauenmantel Alchemilla mollis durchmischt mit rotlaubigem Purpurglöckchen Heuchera micrantha `Palace Purple` nimmt den größten Teil der halbschattigen Fläche ein. Die hohe Zeit des gelb-grün blühenden Frauenmantel ist der Juni. Danach wird er bis auf den Boden zurück geschnitten. Das regt die Pflanze zum Ausbilden neuer Blätter an, die dann bis zum Frost attraktiv bleiben. In der zweiten Jahreshälfte dominiert die Heuchera in ihrer Wirkung. Sinnvoll ist diese Kombination nicht auf allen Böden. Der Frauenmantel liebt keinen zu trockenen Stand, das Purpurglöckchen meidet nasse Plätze.
Unterbrochen wird die Verteilung von Alchemilla und Heuchera durch zwei Gruppen von Anemone `Honorine Jobert` und einem Dauerblüher des Gehölzrandes: die Geranium Hybride `Anne Folkard` überspinnt mit ihren kletternden Trieben im Laufe der zweiten Jahreshälfte ihre direkten Nachbarn. Die magenta-roten Blüten mit schwarzem Auge erscheinen von Juni bis in den Herbst. Sie passen vorzüglich zu den schleierartigen, weißen Blüten der Heuchera. Im Schatten der lockeren Strauchhecke des Nachbarn und der Hauswand wachsen Tellima grandiflora `Rubra`, verteilt zwischen Millium effusum `Aureum` und Molinia caerulea. Tellima g. `R`. ist eine anspruchslose Schattenpflanze, deren wintergrüne Blätter sich in der dunklen Jahreszeit rötlich färben. Die falsche Alraunwurz wird im Mai stark zurück geschnitten, die 50 cm hohen Stiele fallen gegen Ende der Blütezeit meist auseinander. Zwischen die Pflanzen sind Tuffs von Trompeten-, großkronigen - und Dichternarzissen eingestreut.
Der Schattenbereich erstreckt sich weiter entlang der Nordseite der Hausmauer. Luzula nivea wachsen hier mit Waldsteinia ternata, Epimedium rubrum und Aster divaricatus. Die beiden Letztgenannten gedeihen noch ausreichend im Regenschatten der Dachtraufe, ein Standort, bei der die wertvolle Wildaster aus Nordamerika erste Wahl ist. Die weiß im Spätsommer blühende, 60 cm hohe Staude begeistert mit ihren silbrigen Samenständen bis weit in den Winter hinein. Auf der Nord- und Westseite der Felsenbirne wird der Schattenwurf im Laufe der Jahre immer mehr zunehmen. Origanum vulgare ´Compactum´ verbindet zwischen Schleierkraut und Polsternachtkerze auf dem besonnten Teil der Mauerkrone und Teppichen von Waldsteina ternata, Geranium clarkei `Kashmire White`und Geranium `Biokovo` im Wurzelbereich und Rücken der Felsenbirne. Im Frühjahr blühen hier Blumenzwiebeln wie Scilla siberica , die wertvolle Scilla mischtschenkoana und verschiedene Alpenveilchennarzissen.
Am Beginn des Hauseingangsbereiches steht eine weitere Buddleja, unterpflanzt mit dem allgegenwärtigen Geranium `Biokovo.` Am oberen Ende der Pflasterfläche wächst Pseudosasa japonica in einem Teppich von Omphalodes verna `Alba`. In dem halbschattigen, vor und zurück schwingenden Pflanzstreifen entlang des Weges spielen drei Hostasorten die Hauptrolle, Hosta `Blue Cadett`, H.`Halcyon` und Hosta `Frances Williams`. Ihren Auftritt begleiten Waldsteinia geoides, Astrantia major `Lars` und Ophiopogon nigrescens. Hosta sind dankbare Partner für Blumenzwiebeln. Frühe Zwergnarcissen, Scilla und andere Kleinzwiebeln fühlen sich in ihrem Wurzelballen wohl. Sie bekommen dort die nötige Sommertrockenheit, die sie lieben, aber ausreichend Feuchte und Platz zur Entfaltung im Frühjahr. Im Mai verdecken die austreibenden Funkienblätter das Zwiebellaub. Den Herbstaspekt liefert die elegant ausgebreitet wachsende Aster lateriflorus var horizontalis. Sie mindert mit Ihrer Höhe von knapp einem Meter den Sprung vom mannshohen Schmetterlingstrauch zur kniehohen Hosta. Die Aster steht recht dunkel, die Blütenfülle lässt im Vergleich zu einem sonnigen Standort nach. Ihr standfester Wuchs leidet nicht darunter und die Gefahr des Eintrocknens bei mangelnder Bodenfeuchte ist im Halbschatten geringer. Diese Aster und der Bambus sind die beiden Pflanzen, die gelegentlich Wasser bekommen, der Garten Pelters muss in der Regel nicht gewässert werden. Die Düngung beschränkt sich auf leichtes Aufkalken der sommertrockenen Bereiche etwa alle drei Jahre.
Zum Schluss einige selbstkritische Anmerkungen zur Pflanzenauswahl. Geranium `Kashmire White` hat im Sommer Mehltau und gedeiht nur zögerlich. Zur Zeit fiele die Wahl auf Ausläufer treibende Carex morrowii ´Ice Dance` in einem Teppich aus Waldsteinia ternata `Lichtermeer`. Geranium `Biokovo` entwickelt sich nach der Eingewöhnungszeit recht stark, der Pflegeaufwand ist, abhängig von der Benachbarung, entsprechend hoch. Aus der Gattung Potentilla sind P. alba und P. tridentata `Nuuk` eine Alternative. Geranium `Anne Folkard` beansprucht mehr Platz als vorgesehen, die schwächer wachsende Geranium `Anne Thomson` ist besser geeignet. Sie ist, wie G. `Anne Folkard`, eine Hybride aus G. procurrens und G. psilostemon. Im Kiesgarten sät sich Hypericum polyphyllum stark aus, die Sorte H. p. `Schwefelperle` tut das nicht.
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